Warum Erden nicht einfach nur gut tut
Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht, kein medizinischer Ratschlag. Details wurden zum Schutz meiner Anonymität verallgemeinert.
Alle reden über Erdungstechniken, als wären sie ein Geschenk, das man nur auspacken muss. Tief durchatmen, die Füße spüren, fünf Dinge benennen, die man sieht. Klingt einfach. Ist es nicht.
Was mir lange gefehlt hat, war die Ehrlichkeit, mir selbst einzugestehen: Ein Teil von mir will gar nicht geerdet sein.
Der Teil, der lieber im Nebel bleibt
Wenn ich präsent bin, wirklich präsent, kommt alles auf einmal. Die Gefühle, die ich sonst nicht spüre. Die Reize, die plötzlich zu laut, zu hell, zu viel sind. Manchmal fange ich an zu stottern, weil die Angst vor dem Sprechen größer ist als das, was ich eigentlich sagen wollte. Ich merke, wie fremd ich mir selbst in meiner eigenen Welt vorkomme. Und darunter liegt oft Trauer, für die ich im Alltag keinen Platz habe.
Dissoziation dagegen fühlt sich manchmal an wie ein leichter Rausch – ohne jede Substanz. Für einen Moment sind alle Probleme weg. Kein Wunder, dass ein Teil von mir das mag.
Der Preis dafür
Der Haken: Die Zeit vergeht, aber ich bin nicht dabei. Erinnerungen fehlen. Ich frage mich hinterher, was eigentlich real war, wenn sich sowieso alles unwirklich anfühlt. Das ist kein Trost, das ist eine Rechnung, die ich später begleiche.
Deshalb übe ich Erden – nicht weil es sich immer gut anfühlt, sondern wegen dem, was ich dadurch zurückbekomme: ein Gedächtnis, das nicht löchrig ist. Ein Gefühl von Kontinuität, dass ich morgen noch dieselbe Person bin wie heute. Ein Zeitgefühl, das weder rast noch stehen bleibt. Die Fähigkeit, Gegenwart und Vergangenheit auseinanderzuhalten, wenn ich getriggert bin. Und – vielleicht am wichtigsten – ein Gefühl von Selbstwirksamkeit: Wenn ich mich in einem überwältigenden Moment erinnere, mich zu erden, und es tatsächlich schaffe, ist das ein winziger Beweis, dass ich nicht hilflos bin.
Woran ich merke, dass ich abdrifte
Mit der Zeit habe ich gelernt, auf bestimmte Signale zu achten, bevor der Nebel sich ganz schließt:
- Ich vergesse zu atmen, oder meine Atmung wird flach und schnell
- Ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl breitet sich aus
- Die Welt wirkt plötzlich weit weg, wie durch eine Glasscheibe
- Mein Blickfeld verengt sich zu einem Tunnel
- Ich fühle mich von meinem eigenen Körper abgekoppelt
Diese Zeichen sind kein Versagen. Sie sind mein Nervensystem, das mir mitteilt, dass es gerade überfordert ist. Je früher ich sie bemerke, desto eher kann ich gegensteuern, bevor ich ganz weg bin.
Kein Wettkampf gegen mich selbst
Ich versuche inzwischen, das nicht als Kampf zu sehen – geerdeter Teil gegen dissoziierender Teil. Beide wollen mich eigentlich schützen, nur mit unterschiedlichen Strategien. Der eine will Sicherheit durch Abstand, der andere Sicherheit durch Präsenz und Kontrolle. Wenn ich das verstehe, fällt es mir leichter, mich freundlich zurückzuholen, statt mir Vorwürfe zu machen, dass ich schon wieder "weg" war.