Wer ich bin: Warum es die maskierte Apothekerin gibt
Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht, kein medizinischer Ratschlag. Details wurden zum Schutz meiner Anonymität verallgemeinert.
Ich weiß nicht genau, wie ich anfangen soll. Aber vielleicht ist das der ehrlichste Anfang, den ich machen kann.
Ich bin Apothekerin. Ich bin neurodivergent. Und ich war lange Zeit nicht in der Lage, irgendeins dieser Dinge wirklich zu sein – weil ich damit beschäftigt war, so zu tun, als ob ich jemand anderes wäre.
Das nennt man Masking. Und genau darum geht es hier.
Zwei Wissensformen, die selten zusammenkommen
Ich habe Pharmazie studiert, approbiert, in der Apotheke gestanden und Menschen beraten. Ich weiß, wie Wirkstoffe funktionieren. Ich weiß, was Medikamente mit dem Körper machen. Ich weiß, was auf dem Beipackzettel steht – und was nicht draufsteht.
Und gleichzeitig habe ich jahrelang nicht gewusst, was mit mir los ist.
Ich bin seit einer Weile nicht mehr in der Apotheke. Nicht weil ich nicht könnte, sondern weil mein Nervensystem irgendwann gesagt hat: Stopp. So geht es nicht weiter. Das nennt sich autistischer Burnout. Ich habe das nicht von einem Arzt erfahren. Ich habe es selbst herausgefunden – durch Recherche, durch Lesen, durch dieses erschöpfte Gefühl, endlich einen Namen für etwas zu haben, das schon mein ganzes Leben da war.
Ich bin gerade im Prozess, eine offizielle Autismus-Diagnose zu bekommen. Ich navigiere durch ein System, das nicht für Menschen wie mich gebaut wurde – und ich lerne dabei jeden Tag dazu.
Was ich früher genutzt habe, um durchzuhalten
Früher habe ich Alkohol getrunken. Ich habe Drogen genommen. Ich habe geraucht. Nicht weil ich selbstzerstörerisch war, sondern weil ich nicht wusste, wie ich anders mit einer Welt umgehen sollte, die sich für mich immer zu laut, zu viel, zu schnell angefühlt hat.
Ich habe damit aufgehört. Ich hatte eine lange Auszeit, Unterstützung, Zeit, mich selbst wiederzufinden. Ich hatte das Glück, Hilfe zu bekommen. Nicht jeder hat dieses Glück, und das darf man nicht vergessen.
Vor einiger Zeit habe ich einen Abend auf einer Tanzfläche verbracht und dort jemanden kennengelernt – einen Vater dreier Töchter, der gerade feierte, trank, rauchte. Als ich erzählte, dass ich nichts davon mehr brauche, wurde er still und sagte etwas, das mir seitdem nachgeht: dass er sich wünschte, seine Töchter würden einmal so sein können wie ich in diesem Moment – und dass er selbst sich das für sich wünschte. Wir haben lange über Masking gesprochen, über Bewältigungsstrategien, darüber, dass Menschen unter Druck selten aus Schwäche zu Substanzen greifen, sondern weil ihnen nie eine Alternative gezeigt wurde. Am Ende sagte er: Jemand wie du sollte darüber sprechen.
Ich habe das nicht vergessen.
Warum ich das hier mache
Ich kenne Wirkstoffe, Mechanismen, Wechselwirkungen auf molekularer Ebene. Und ich kenne das auch von innen. Beides zusammen ist der Grund, warum ich schreibe. Nicht weil ich Expertin bin, die euch etwas erklärt, sondern weil ich glaube, dass Wissen und Erfahrung zusammengehören – und es zu wenige gibt, die beides haben und bereit sind, es zu teilen.
Auf diesem Blog geht es deshalb um zwei Dinge: nüchterne, fachliche Ratgeber-Beiträge aus meiner Apothekenpraxis – und persönliche Einblicke in ein Leben mit Neurodivergenz, Dissoziation, Ausnahmezuständen und dem langen Weg aus dem Masking heraus. Themen, die in der Öffentlichkeit oft entweder totgeschwiegen oder falsch dargestellt werden.
Der Name ist kein Kostüm
Der Name dieses Blogs – die maskierte Apothekerin – ist kein Kostüm und kein Konzept. Die Maske, über die ich schreibe, ist die, die viele von uns tragen. Jeden Tag. In der Arbeit, in der Familie, auf der Straße. Diese innere Stimme, die sagt: funktioniere, pass dich an, sei nicht zu viel.
Ich habe das lange sehr gut gekonnt. Und ich lerne gerade, was es bedeutet, das sein zu dürfen, was ich bin – mit allem, was dazugehört: auch mit den Sätzen, die nicht perfekt sitzen, auch mit dem Suchen nach Worten, auch mit dem, was sich manchmal unfertig anfühlt.
Ich weiß nicht, wer das hier lesen wird. Aber falls du dich gerade selbst nicht sicher fühlst in deiner eigenen Haut: Du bist nicht allein, und du bist nicht kaputt. Es gibt einen anderen Weg – auch wenn niemand ihn einem vorher zeigt.
Ich freue mich, dass du da bist.