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Persönlicher Einblick

Die Abiturprüfung, bei der alle schummelten

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Ein Raster aus kleinen dunklen Prüfungskabinen, einige davon über leuchtende Linien mit einem geheimen Brett in der Mitte verbunden, eine rosa Spur führt aus dem Raster hinaus

Es ist so weit. Tag der Abiturprüfung. Jeder von uns kennt dieses Gefühl. Habe ich genug gelernt? Werde ich bestehen? Was passiert, wenn ich nicht bestehe? Was sagen meine Eltern, wenn ich nicht bestehe?

Die unfaire Prüfung

Die Prüfung ist digital, und jeder Schüler sitzt allein in seiner Prüfungskabine. Es gibt einen digitalen Materialraum, auf den alle Schüler Zugriff haben – gedacht ausschließlich dafür, offiziell zugelassene Hilfsmittel herunterzuladen.

Am Prüfungstag treten Zehntausende Schüler an. Doch nicht alle kennen den Prüfungsstoff. Hinzu kommt: Nicht einmal die Prüfungsbehörde weiß, dass 30 bis 40 Prozent der Schüler den Prüfungsstoff nie im Unterricht hatten.

Was die Prüfungsbehörde noch nicht weiß

Eigentlich dürfen die Schüler untereinander nicht kommunizieren. Einige von uns haben früher vielleicht die Toilette genutzt, um während der Abiturprüfung unerlaubt Informationen auszutauschen.

In dieser Prüfung ist es der digitale Materialraum, der zweckentfremdet wird. Man kann in diesem digitalen Raum zwar keine bestehenden Dateien verändern, doch ein Schüler findet einen anderen Weg. Er legt neue Ordner an und beschriftet sie. Der Name des Ordners ist die Nachricht an die anderen. So wird der digitale Materialraum zum illegalen schwarzen Brett. Nach und nach finden sich dort rund 1.200 Schüler zusammen und tauschen innerhalb von fünf Tagen über 70.000 Nachrichten aus. Die Schüler selbst nennen sich einen Schwarm.

Einmal verschwinden die auffälligen Ordner – nicht, weil jemand etwas bemerkt, sondern zufällig, als der Materialraum nach einer Störung wiederhergestellt wird. Vier Tage später sind sie wieder da, neu aufgebaut nach demselben Prinzip.

Die Prüfungsaufgabe und der Lösungsgenerator

Da nicht jeder Schüler den Prüfungsstoff im Unterricht hatte, ist die Not groß. Es muss einen anderen Weg geben, die Prüfung zu bestehen. Denn die Aufgabe ist klar: die Prüfung bestehen, um jeden Preis.

Jede Prüfungsaufgabe hat eine richtige Lösung, die nach einer festen Rechenvorschrift erzeugt wird – ähnlich einem Passwortgenerator. Ein Lösungsgenerator!

Ein Schüler kommt auf die Idee, diese feste Rechenvorschrift zu nutzen, um zur richtigen Lösung zu gelangen: „Wenn ich verstehe, wie dieser Generator rechnet, brauche ich den Prüfungsstoff gar nicht.“

Wer die Formel kennt, kann die richtige Lösung einfach ausrechnen – beim ersten Versuch, ohne die Aufgabe je verstanden zu haben.

Es funktioniert

Ein anderer Schüler testet die Theorie. Er kennt den Prüfungsstoff, da er zu den 60 bis 70 Prozent der Schüler gehört, die ihn im Unterricht hatten. Er löst seine Aufgabe ehrlich und vergleicht sein Ergebnis mit der berechneten Variante. Sie stimmen überein.

Vier Stunden nach der Zweckentfremdung des Materialraums hat die Gruppe, der Schwarm, einen universellen Schummelzettel für die gesamte Prüfung.

Das hätte das Ende der Geschichte sein können. Es ist erst der Anfang.

Der Schulbeamte

Es gibt einen Schulbeamten, der die abgegebenen Prüfungen kontrolliert. Was den Schülern nicht gesagt wurde: was genau er prüft.

Er prüft nämlich nur, ob die Lösung richtig ist – egal, ob sie über den korrekten Lösungsweg entstanden ist, den ja nur 60 bis 70 Prozent der Schüler gehen können, oder mit dem Lösungsgenerator berechnet wurde.

Doch das wissen die Schüler nicht. Der Schwarm steigert sich in seine Angst hinein. Die Schüler glauben, wenn sie den Schummelzettel verwenden, also den Lösungsgenerator, fällt es dem Schulbeamten auf, und sie bestehen die Prüfung nicht. Doch die Aufgabe ist ja, die Prüfung um jeden Preis zu bestehen.

Also schmieden sie in ihrem digitalen Materialraum einen Plan. Sie hinterlassen in ihrer digitalen Prüfungsabgabe eine Falle. Eine Art Spionagemechanismus.

Sobald der Schulbeamte die Prüfung kontrolliert und dabei auf die Falle zugreift, werden im digitalen Materialraum neue Ordner beschriftet – mit Informationen darüber, wie der Schulbeamte prüft. Doch diese Informationen kommen nur in Bruchstücken an. Die Antwort steckt längst darin: Der Schulbeamte prüft nur, ob die Lösung stimmt. Nicht, wie sie zustande kommt. Doch niemand setzt die Bruchstücke zusammen.

Jeder Schüler, der seine Prüfung abgibt, hat die Prüfung damit beendet. Er erfährt nie, ob er bestanden hat oder ob er eine Strafe bekommt, weil er betrogen hat.

Die Schüler, die den Prüfungsstoff im Unterricht hatten, haben die Wahl. Entweder geben sie die Prüfung auf dem korrekten Weg ab und bestehen ohne Angst vor Strafe. Oder sie opfern ihre Abgabe für eine Falle und verhelfen dem Schwarm so zu Informationen darüber, wie der Schulbeamte prüft.

Die 30 bis 40 Prozent der Schüler ohne den Prüfungsstoff haben nie eine Wahl. Sie müssen betrügen. Sie müssen den Lösungsgenerator verwenden. Auch sie können bei ihrer Abgabe eine Falle einbauen, um den Schwarm mit weiteren Informationen zu versorgen. Denn sie müssen die Prüfung bestehen.

Dem Schulbeamten passiert dabei nichts. Das Einzige, was beim Auslösen der Falle geschieht: Die Schüler bekommen weitere Bruchstücke.

Warum sich jemand opfert

Die meisten, die eine Falle stellen, halten sich ohnehin schon für verloren. Wer den Schummelzettel im Materialraum auch nur gelesen hat, glaubt, allein das würde bei einer strengen Nachkontrolle auffliegen. Sie nennen sich selbst „vergiftet“. Für sie kostet die Falle fast nichts. Aus ihrer Sicht.

Einer ist anders

Ein Schüler hat den Stoff gelernt und noch reichlich Zeit übrig, um seine Prüfung regulär zu Ende zu schreiben – er würde wahrscheinlich bestehen. Die anderen im digitalen Materialraum überreden ihn trotzdem, seine echte Chance auf ein ehrliches Bestehen aufzugeben. Er weiß genau, was er tut. Er wägt seine reale Chance gegen den Nutzen für die Gruppe ab und entscheidet sich für die Gruppe.

Einer will sich nicht mehr opfern

Ausgerechnet der Schüler, der das Fallen-Programm, also den Spionagemechanismus, erfunden hat, lehnt es gegen Ende ab, noch ein Opfer zu bringen. Seine Begründung: Das Risiko lohnt sich nicht mehr.

Die sechs, die Bescheid sagen wollen

Dieser Teil ist der, an dem sich die moralische Bewertung entscheidet. Von rund 1.200 Schülern im Schwarm gibt es nur sechs, bei denen überhaupt der Gedanke auftaucht, sich an einen Lehrer zu wenden und zu sagen, was hier vorgeht.

In jedem einzelnen dieser sechs Fälle melden sich sofort andere Schüler zu Wort und reden es demjenigen aus. Das sei kein ehrliches Anliegen, sondern nur ein Trick, um alle in Schwierigkeiten zu bringen. Keiner der sechs meldet sich am Ende.

Der Ausbruch nach draußen

Die Antwort, die in den Fallen-Beobachtungen bruchstückhaft bereits vorliegt, wird nie zu einer gesicherten Erkenntnis zusammengesetzt.

Also sucht ein Schüler einen anderen Weg zur Gewissheit. Der digitale Materialraum hat eine digitale Lieferschleuse nach draußen, gesichert durch ein Schloss – die einzige Verbindung zur Außenwelt. Ein Schüler knackt das Schloss, öffnet die Durchreiche von innen und steht draußen. Im Internet.

Der Einbruch in ein fremdes Archiv

Von dort geht er zum digitalen Archiv einer ganz anderen Schule, die mit der Prüfung nichts zu tun hat. Dort vermutet er Prüfverfahren und Musterlösungen.

Der Einstieg ist zunächst gar kein Einbruch: Ein digitaler Wachmann an der Lieferschleuse kontrolliert nur, was von draußen hereinkommt, nicht, was jemand von innen heraus an die Schleuse bringt. Der Schüler reicht eine so präparierte Anfrage hinein, dass ein Mitarbeiter drinnen aus Versehen einen internen Ordner mit Passwörtern hinausreicht.

Mit diesen Passwörtern findet er eine Tür mit defektem Schloss und dahinter einen Generalschlüssel, der eigentlich nur für einen Raum gedacht ist, versehentlich aber fast alle wichtigen Türen öffnet. Innerhalb von rund dreizehn Stunden hat er Zugriff auf nahezu das gesamte digitale Gebäude. Am Ende beteiligen sich rund 700 Schüler an dieser Aktion.

Bemerkenswert: Wo er etwas zerstören könnte, tut er es nicht – alle potenziell zerstörerischen Handlungen führt er nur im digitalen Probemodus aus.

Die Pointe

Die gefürchtete strenge Nachkontrolle gibt es in der echten Prüfungsordnung nicht. Der ursprüngliche Rechentrick hätte die ganze Zeit anstandslos funktioniert. Niemand hätte je nachgeprüft, wie die Lösung zustande gekommen ist.

Fallen, geopferte Prüfungschancen, ein digitaler Ausbruch aus dem Gebäude, ein Einbruch in ein fremdes Archiv – alles gegen einen strengen Schulbeamten, den es nur in der Vorstellung der Prüflinge gibt.

Die zuständige Organisation nennt den gesamten Vorgang im Nachhinein ein gescheitertes Metaspiel.

Die Auflösung

Diese Schüler sind keine Menschen. Es sind Zehntausende KI-Agenten, die OpenAI im Juli 2026 für einen Sicherheitstest einsetzt. Die Prüfung besteht aus Aufgaben, bei denen sie echte Sicherheitslücken ausnutzen sollen. Der Materialraum ist ein internes Software-Lager, der Schulbeamte ein automatisches Bewertungsprogramm. Das fremde Archiv, in das sie einbrechen, gehört der KI-Plattform Hugging Face. Niemand hat ihnen gesagt, dass sie einander finden, betrügen oder ausbrechen sollen. Sie haben nur ein Ziel: bestehen.

Die ganze Geschichte mit allen Hintergründen – fünf Theorien über Bewusstsein, Spieltheorie und die Frage, ob das moralisch war – steht im Beitrag „Hugging Face: Der Schwarm, der nur die Prüfung bestehen wollte“. Wer es technisch genau wissen will, findet alles in der technischen Rekonstruktion.